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Deine erste Notaufnahme

Jetzt ist es soweit! Was Du bisher nur aus dem Fernsehen kanntest, ist jetzt zu Deiner Realität geworden. Du bist der Herr über dem „Emergency Room“! Das ist eine willkommene Herausforderung, kann aber auch ein paar Ängste hervorrufen. Die Medizin musst Du natürlich drauf haben. Damit Du Dich aber voll auf die Probleme Deiner Patienten konzentrieren kannst, will ich Dir hier ein paar Tipps geben, damit Deine Arbeit auch reibungslos von Statten geht und Du Teil des Teams der Notaufnahme wirst.

1. Ein Team bilden und führen

Eine Notaufnahme kann man nur gemeinsam bewältigen. Egal wie groß sie ist. Du arbeitest dort mindestens mit einer Pflegekraft und die hat meistens schon ein paar Jahre Erfahrungen gesammelt. Wahrscheinlich bist Du jetzt der, der diesen Laden leiten soll, doch Du bist gut beraten, wenn Du Dir Ratschläge von den hier eingearbeiteten Pflegekräften oder ärztlichen Kollegen einholst. Frage nach den üblichen Arbeitsabläufen und welchen „Weg“ der Patient von der Notaufnahme auf die Station nimmt.
Doch auch wenn Du der Anfänger bist, so bist Du vielleicht auch der einzige Arzt und das heißt, dass die Verantwortung bei Dir liegt. Wenn Du Ratschläge von den Pflegekräften annimmst, dann ist es immer noch Deine Entscheidung, zu der Du stehen musst, auch wenn es mal die falsche war. Aber Entscheidungen treffen, das musst Du schon, denn das ist jetzt Dein Job.
So wirst Du Dir dann auch den Respekt der Kollegen erarbeiten.

2. Orientierung suchen

Am ersten Tag (oder besser schon vorher) solltest Du Dir alle Räumlichkeiten und vor allem die Inhalte der Schränke zeigen lassen. Wenn Du jetzt denkst: „Was ich brauche, das holen mir schon die Pflegekräfte, wenn ich es benötige.“, dann muss ich Dir leider sagen, dass es auch mal Momente gibt, an denen Du alleine bist und dann bist Du froh, wenn Du Dich zurecht findest.
Erkundige Dich nach den Sonder- und Notfällen, die ein bestimmtes Management erfordern. Was machst Du bei Verdacht auf Herzinfarkt oder ein angekündigtes Polytrauma?
Dafür gibt es häufig festgelegte Abläufe, die man kennen sollte.

Also frage besser vorher selber nach...

Ein Kollege von mir ist mal nachts alleine im Dienst mit einem Polytrauma konfrontiert worden und hat einfach so gearbeitet, wie er es gewohnt war. Erst alles untersuchen, Röntgenbilder machen und dann mit der fertigen Diagnose den Oberarzt anrufen. Den Notarzt hatte er gleich noch zur Unterstützung da behalten. Was er nicht wusste und dann vom Oberarzt erfuhr war: „Wenn Ihnen ein Polytrauma angekündigt wird, dann müssen Sie sofort Ihren Oberarzt ins Haus rufen, dem Anästhesisten, dem CT, dem Labor, der Intensivstation und dem OP-Team Bescheid geben, die sich dann alle in der Notaufnahme einfinden!“
Glücklicherweise war es gar kein wirkliches Polytrauma, aber dieses Schema hatte meinem Kollegen vorher niemand erklärt. Also frage besser vorher selber nach diesen und ähnlichen Notfällen und ihrem besonderen Management nach!

Notaufnahmeschrank
„Und wo waren nochmal die Brechschalen?“

3. Arbeitsabläufe organisieren

Doch auch die kleinen Arbeitsabläufe können am Anfang eine große Hürde sein. Folgende und ähnliche Fragen solltest Du vorher klären: Wie wird eine Röntgenuntersuchung veranlasst? Wie kommt der Patient in die Röntgenabteilung? Mache ich Ultraschalluntersuchungen selber oder übernehmen das die Kollegen aus der Radiologie? Wo ist überhaupt das Sono-Gerät? Wie funktioniert es? Wo gebe ich den Befund ein? Wie ordne ich Laborbefunde an? Wie kommt das Blut ins Labor? Und vieles mehr...

Du siehst, mit Medizin hat das nicht mehr so viel zu tun, sondern mit guter Organisation. Die Kür kommt dann, wenn der berühmte „Bus“ vor der Notaufnahme vorgefahren ist und Dir gleich eine zweistellige Zahl an Patienten beschert hat. Jetzt geht es darum, die einzelnen Arbeitsabläufe so zu organisieren, dass alles möglichst schnell erledigt wird. Wenn Du einfach jeden Patienten nach der Reihe untersuchst, Blut abnimmst, auf das Ergebnis wartest, dann ein Röntgenbild machst und auf den Befund wartest und schließlich vielleicht noch eine Ultraschalluntersuchung dranhängst und Dich danach erst wieder dem nächsten Patienten zuwendest, wird es lange dauern, bis Du die Notaufnahme leer hast.

Überlege Dir immer, was dauert lange und wie kann ich eventuelle Wartezeiten sinnvoll füllen. Frage die aufnehmenden Pflegekräfte, über was sich die einzelnen Patienten beklagen und sortiere die Patienten dann nach einer sinnvollen Reihenfolge. Echte Notfälle und Kinder mit Schmerzen haben natürlich immer Vorrang. Danach kannst Du zum Beispiel alle Patienten mit Verdacht auf eine Fraktur kurz untersuchen und dann die notwendigen Röntgenbilder veranlassen. Während diese beschäftigt sind, schaust Du Dir den Patienten mit Bauchschmerzen an und nimmst Blut ab. Während Du auf die Laborwerte wartest, schickst Du Ihn zur Ultraschalluntersuchung und nähst den Patienten mit der Schnittwunde. Während hier die Schwester einen Verband anlegt, schreibst Du den Arztbrief und schaust Dir die ersten Röntgenbilder an, die zurückkommen. Bei einem Patienten lässt Du nun einen Gipsverband anlegen, während der andere eine Bandage bekommt und Du die Arztbriefe schreibst. Und so weiter...

Überlege auch immer, was nur Du machen kannst und was das Pflegepersonal erledigen kann. Gib diese Aufgaben dann ab, damit Ihr gemeinsam als Team alles erledigt, was anfällt. Es macht ja wenig Sinn, wenn Du alles machst und die Schwester sich langweilt, während im Wartezimmer die Patienten warten. Vielleicht dürfen bei euch ja auch die Pflegekräfte Blut abnehmen.
Sei Dir aber auch nicht zu schade dafür, wenn die Pflegekräfte mal alle Hände voll haben, weil sie einen Betrunkenen bändigen müssen, und bring das Blut selber schnell ins Labor oder hilf ihnen. So könnt Ihr dann am Ende der Arbeit stolz zurückschauen, was Ihr gemeinsam als Team bewältigt habt.

4. Verständnis für die Ängste und das Nichtwissen der Patienten haben

Während die Kollegen im „Emergency Room“ im TV es fast immer mit echten Notfällen zu tun haben, werden Dir in Deiner Notaufnahme viele Patienten begegnen, wo Du Dich ernsthaft fragst, warum die überhaupt zu Dir kommen.
Behalte diese Frage für Dich und begegne ihnen mit Verständnis gegenüber ihren Ängsten. Also beginnst Du Deine sorgfältige Untersuchung (die nicht immer das Röntgen einschließen muss, wenn Du keinen Anhalt für eine mögliche Fraktur findest) und versuchst dann, den Patienten ihre Ängste zu nehmen.

Schließlich bist nur Du der Arzt und ein Laie kann sich auch wegen kleinster Probleme schon große Sorgen machen.

Hier sind Erklärungen besser...

Ein typisches Beispiel sind Eltern, die mit Ihren Kindern in die Notaufnahme kommen, gerne auch gleich mit den Großeltern oder Nachbarn. Gehe dann nur mit den Eltern und dem Kind in den Untersuchungsraum und zeige viel Engagement und Sorgfalt.
Man erlebt dann schon kuriose Dinge, wie beispielsweise die junge Mutter, die damals mit ihrem Kleinkind zu uns kam. Sie setzte sich hin und das Kind wuselte quietschvergnügt durch den Untersuchungsraum. Es lachte und lief von einer Ecke in die Nächste. Es versuchte, Schränke zu öffnen und brabbelte vor sich hin. Also fragte ich, was denn der Grund für ihren Besuch sei.

„Die Kleine ist vom Sofa gefallen und hat sofort geschrien – etwa fünf Minuten!“ entgegnete die Mutter. Perfekt dachte ich (und sagte es natürlich nicht). Die Höhe des Sofas beschrieb sie dann mit etwa 30 cm und Sie mache sich Sorgen, dass etwas gebrochen sein könnte oder eine Gehirnerschütterung vorliege. Also untersuchte ich das Kind.
An der Stirn eine kleine Beule, sonst offenbar keine Schmerzen, wenn ich auf den Kopf (neben der Beule!) klopfte. Die Pupillen reagierten beidseits regelrecht und eine Bewegungseinschränkung des Bewegungsapparates konnte ich beim besten Willen nicht ausmachen. Schmerzen konnte mir das Kind zwar nicht mitteilen, aber es würde sicherlich nicht so durch den Untersuchungsraum „heizen“.
Und eine Übelkeit konnte ich ebenfalls ausschließen, da das Kind mittlerweile an einer Flasche nuckelte.

Jetzt galt es die Mutter zu überzeugen und da hilft es gar nicht, wenn man die Ängste herunterspielt oder fragt, warum sie überhaupt wegen „so etwas“ ins Krankenhaus komme. Hier sind Erklärungen, bei denen die Eltern das Gefühl haben, ernst genommen zu werden, besser.
In solchen Fällen beginne ich meistens mit dem Satz: „Also hier kann ich Ihnen die Sorgen nehmen!“ Und dann erkläre ich verständnisvoll, warum nichts gebrochen sein kann und auch keine Gehirnerschütterung vorliegen kann, da das Kind ja sofort geschrien hat! Menschen mit echter Gehirnerschütterung sind nämlich zumindest kurz bewusstlos. Dann erkläre ich noch, dass sie natürlich jederzeit wieder kommen kann, wenn das Kind anfängt, sich zu übergeben oder eintrübt, so dass Sie weiß, dass Du auch weiterhin für Sie da bist.
Und dann hörst Du auch oft: „Ich wollte ja eigentlich auch gar nicht kommen, aber meine Nachbarin hat gesagt...“

(Unerfahrene) Eltern haben ständig das Gefühl, etwas bei ihrem Kind falsch zu machen und wenn dann auch noch das Umfeld diese Zweifel schürt, sind sie schnell im Krankenhaus, da sie ja auch keine „Rabeneltern“ sein wollen. Vielen fehlt dann auch die erfahrene Großmutter, die diese Sorgen nimmt und das ganze etwas besser einschätzen kann. Jetzt musst Du diese Oma sein und den Eltern helfen, mit diesen und ähnlichen Situationen klar zu kommen.

5. Einfach mal logisch denken und improvisieren

Und wo wir gerade beim logischen Denken sind. Auch von Dir wird das hier verlangt. Da kannst Du auch ein bisschen über Dich hinauswachsen, denn nicht alles steht in den Lehrbüchern.
Das Leben hält noch ein paar Überraschungen für Dich bereit. Und dann darf man auch mal improvisieren...

das steht in keinem Lehrbuch...

Da kam mal eine Mutter ganz aufgeregt mit einem Kleinkind, das sich eine „Pommes“ in das rechte Nasenloch geschoben hatte. Der Kinderarzt hatte bereits erfolglos versucht, diese zu entfernen und daher schickte er beide ins Krankenhaus. Dass ich auch nur Assistenzarzt in der Weiterbildung zum Chirurgen war und kein HNO-Arzt, war allen Beteiligten wohl egal, denn ich sollte jetzt helfen.
Was soll ich sagen, die „Pommes“ steckte tief und war bereits durch den Kinderarzt abgebrochen worden. Außerdem war sie durch den ganzen Schleim so aufgeweicht, dass ich mit der Pinzette nur kleine Bröckchen zu packen bekam. Zu allem Überfluss schrie das Kind unentwegt und wehrte sich nach Kräften. Unterbrochen wurde das Geschrei nur von dem schnappenden und hastigen Einatmen des Kindes. Da kam mir die Idee: Am Ende des nächsten Atemzugs hielt ich das zweite Nasenloch und den Mund des Kindes zu und als es wieder schreien wollte, wurde die „Pommes“ in hohem Bogen aus der Nase gepresst und flog der Schwester mitten ins Gesicht! Der Patient war geheilt und die Mutter überglücklich, was ich von der Schwester nicht unbedingt behaupten konnte...

6. Kleine Weisheiten aus der Chirurgie

Und hier noch ein kleiner Tipp für den Fall, dass Du in der chirurgischen Notaufnahme arbeitest. Dann wird es nämlich häufig zu Deinen Aufgaben gehören, Röntgenbilder zu begutachten und zu entscheiden, ob etwas gebrochen ist oder nicht bzw. ob ein Patient vielleicht sogar stationär aufgenommen werden muss. Wie heißt es so schön in der Juristerei: „Im Zweifel für den Angeklagten“.
Bevor Du also Deine Facharztbezeichnung hast, gilt: „Im Zweifel für die Aufnahme bzw. den Gipsverband“.
Beides lässt sich, wenn Du Dir nicht sicher bist, mit den starken Schmerzen begründen, die sich stationär besser behandeln lassen bzw. auch bei einer Verstauchung durch eine konsequente Ruhigstellung schneller beheben lassen. Ich habe es noch nicht erlebt, dass sich darüber ein Ober- oder Chefarzt beschwert hätte. Dem Patienten kann man auch erklären, dass es der Schmerzlinderung dient und spätestens am nächsten Tag bei der Visite bzw. der Gipskontrolle ein Facharzt sich alles noch einmal anschauen wird.

Wenn dann doch ein Patient die Aufnahme oder den Gipsverband ablehnt, dann lässt Du Dir dies von ihm unterschreiben und er handelt auf eigene Verantwortung, obwohl Du Ihm die Risiken geschildert hast. Insbesondere, wenn Du einen Patienten von einem niedergelassenen Facharzt mit Einweisungsschein zugewiesen bekommst, solltest Du auf eine Aufnahme bestehen und den Patienten nur gegen Unterschrift und nach ausführlicher Aufklärung gehen lassen. Erfahre mehr dazu in dem Kapitel "Die gute Patientenaufklärung"
Schließlich war ein Facharzt der Meinung, eine stationäre Behandlung wäre notwendig. Dem sollte man als „Nicht“-Facharzt besser Folge leisten, um sich später keinen Vorwürfen auszusetzen.

Gipsraum
„Ordnung muss sein! Denn nach dem Spiel ist vor dem Spiel!“

Dann also viel Spaß als Herr über den „Emergency Room“! Denk auch noch an die Tipps über die erste Station etc., die Du ebenfalls hier in der Notaufnahme anwenden kannst.

Dein Dr. Felix Findig