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für Dein Medizinstudium
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Vertrau Dir (und Deinen Sinnen) – Du bist Arzt (oder ein CT?)

Ich weiß nicht, warum Du Medizin studiert hast, aber ich wollte einfach erfahren, wie der Körper funktioniert und wie die Krankheiten entstehen bzw. bekämpft werden können. Schon als kleines Kind war ich immer von Detektivgeschichten und Knobeleien begeistert und wollte die Lösung herausfinden. Das ist auch das Spannende bei unserem Beruf! Denn Anhand von kleinen und großen Hinweisen müssen wir wie Miss Marple herausfinden, wer hier der Übeltäter ist. Und das alles noch bevor ein Mord begangen wurde. Wenn man so will, sind die Ärzte die wahren Detektive. Columbo und seine Kollegen können sich alle Zeit der Welt nehmen, denn das Opfer ist ja bereits tot und hat keine Zeit mehr zu verlieren. Wir hingegen sollten so schnell wie möglich den Täter fassen und bekämpfen, noch bevor wir einen Toten beklagen müssen. Wer hat es also schwieriger?

Detektivischer Spürsinn

Dr. med. Eckart von Hirschhausen hat es in seinem Buch „Die Leber wächst mit Ihren Aufgaben“ auch sehr schön beschrieben und das will ich Dir nicht vorenthalten.

Während seiner Medizinausbildung hat er ein Jahr in London studiert. „Wo der Sherlock Holmes in jedem Studenten geweckt wird.“ Die „Königsdisziplin“ ist dort angeblich „clinical signs“ und es geht darum anhand von kleinen Veränderungen am Körper des Patienten auf die Krankheit zu schließen. Ein Professor zeigte in einer dieser Vorlesungen ein Bild von zwei Lederschuhen mit mehreren weißlichen Flecken und wollte die Diagnose des Patienten erfahren, obwohl man den gar nicht auf dem Bild sehen konnte. Doch er und seine Kommilitonen kamen dann doch nach und nach dahinter, dass es eingetrocknete Zuckerkristalle sein könnten und der Patient also Diabetes mellitus hat. Also darauf wäre ich wahrscheinlich nicht gekommen, doch der Dozent setzte sogar noch etwas drauf und vermutete, dass außerdem noch eine vergrößerte Prostat vorliegen musste. „Weil soviel auf die Schuhe getropft ist!“

Die Schuhe unseres Famulanten! Er hat aber nicht Diabetes mellitus, sondern nur keine Lust die Schuhe zu reinigen!

Sehr lehrreich und amüsant (wie übrigens das ganze Buch) ist auch der Abschnitt, in dem der Kollege von Hirschhausen über seine Zeit in Südafrika berichtet, wo ja bekanntlich Streitigkeiten auch gerne mal mit Pistole und Messer beendet werden. Dort musste er einen Patienten behandeln, der nach einem Kampf mit Luftnot in die Klinik kam. Schnell diagnostizierte er einen Pneumothorax, doch im Röntgenbild steckte die Kugel dann in dem Lungenflügel, der gar nicht kollabiert war. Zurück beim Patienten fand er dann auch die Lösung. Auf der anderen Seite war die frische Stichwunde vom Kampf. Der Patient erklärte ihm dann, das er vor Jahren mal von einer Kugel getroffen wurde. Diese schien immer noch in der Lunge zu stecken.

Hier zeigt sich auch, wie wichtig die Anamnese und die körperliche Untersuchung ist, damit man den Überblick behält. Wie schrieb der Kollege so schön: „Denn der Patient musste ja behandelt werden, nicht sein Röntgenbild.“

Und wer jetzt glaubt, wir hätten die Möglichkeiten von „Pille“ vom Raumschiff Enterprise, zücken einfach einen Trikorder und wissen sofort, dass der Patient das „Borrelianische Fliegenfieber“ hat, den muss ich leider enttäuschen. Trotz High-Tech-Medizin wird die Mehrzahl aller Diagnosen immer noch anhand der Anamnese und der klinischen Untersuchung gestellt. Und das ist auch gut so, denn es ist meist nicht nur das schnellste, sondern auch das kostengünstigste Verfahren. Häufig werden all diese wunderbaren technischen Untersuchungen dann auch nur noch angewendet, um sich die Verdachtsdiagnose „schwarz auf weiß“ bestätigen zu lassen oder um Gewissheit zu haben, dass man nichts übersehen hat.

Wären wir also bei Deinem ganz persönlichen Spürsinn! Dein 7. Sinn, wenn Du so willst. Im Rahmen Deines Studiums und Deiner Weiterbildung gilt es, diesen auszubilden und ein Gefühl für Deine Patienten zu entwickeln. Und das braucht Erfahrung. Alle, die sich schon immer gefragt haben, warum Studium und Weiterbildung insgesamt über 10 Jahre dauern, sei daher gesagt: „Diese Zeit brauchst Du, um Dein Gespür für gesund und krank zu entwickeln!“

Wie Du eine gute Anamnese und Untersuchung machst habe ich Dir ja schon beschrieben. Schau nochmal unter „Die gute Anamnese“ und „Die gute Untersuchung“.

Jetzt gilt es die Erkenntnisse daraus zu einem Bild zusammen zu fügen. Das kannst Du am besten, wenn Du andere Kollegen wie Deine Oberärzte dabei beobachtest, wie sie Diagnosen stellen. Frage nach, wenn Du es besser verstehen willst und entwickle dabei Deine eigene Herangehensweise. Selbstverständlich gibt es auch gewisse Standards, die Dir helfen können bzw. die Du befolgen solltest. Frage in Deiner Klinik nach entsprechenden Vorgehensweisen.

Bei dem guten alten Verdacht auf Appendizitis kann das beispielsweise so aussehen. Anamnese, Untersuchung, Blutentnahme auf Entzündungszeichen und Ultraschalluntersuchung des Abdomens. Du wirst merken, dass Du schon vor den Laborwerten und der Sonographie Deine Diagnose kennst. Und auch Deine Oberärzte werden sich im Zweifel nicht von den Laborwerten oder dem Ultraschallbefund leiten lassen, sondern entscheiden immer nach dem Untersuchungsbefund und dem allgemeinen „Bild“ des Patienten.

Damit Du Dir auch solch ein „gutes Gefühl“ aneignen kannst musst Du Dich jetzt nur trauen auch mal eine Diagnose aufgrund Deines Untersuchungsbefundes zu stellen und so den leitenden Ärzten vorzustellen. Dann kannst Du aktiv mitdiskutieren und lernst viel über die Diagnosefindung und worauf die einzelnen Kollegen sich bei Ihren Entscheidungen berufen. Von Fall zu Fall wirst Du so immer sicherer und wirst mit Sicherheit auch mal richtiger liegen als Dein Oberarzt!

Das ist doch eine Herausforderung, oder?

Viel Erfolg wünscht Dir

Dein Dr. Felix Findig